Berliner Kurier macht mit „Kopftuchmord“ auf

Anfang dieses Jahres wählte eine Jury von Sprachkritikern das Wort „Döner-Morde“ zum Unwort des Jahres 2011. Den Berliner Kurier kümmert das wenig.

„Mit der sachlich unangemessenen, folkloristisch-stereotypischen Etikettierung einer rechts-terroristischen Mordserie würden ganze Bevölkerungsgruppen ausgegrenzt und die Opfer selbst in höchstem Maße diskriminiert, indem sie aufgrund ihrer Herkunft auf ein Imbissgericht reduziert werden“, hieß es in der Begründung der Jury der Gesellschaft für deutsche Sprache als sie „Döner-Morde“ zum Unwort des jahres 2011 kürten. Bereits 2009 war sich Thilo Sarrazin nicht zu schade den rassistischen Begriff „Kopftuchmädchen“ als Synonym für Rückständigkeit und niedriges Bildungsniveau via Medien unters Volk zu bringen. Auch Sarrazins Wortschöpfung war nominiert für das Unwort des Jahres, unterlag aber „betriebsratsverseucht“. Sarrazin wurde zwar von Aylin Selcuk wegen Volksverhetzung verklagt, die Ermittlungen wurden aber von der Staatsanwaltschaft wieder eingestellt. Beide Wort(un)schöpfungen sind in hohem Grade rassistisch. Ganz abgesehen von den ungeheuerlichen Behauptungen, die sie aufstellen, Einzelne Aspekte einer Bevölkerungsgruppe werden herausgepickt, abgewertet im Kontext und dann aufgebauscht und pars pro toto gesetzt.

Genau so funktioniert Fremdenfeindlichkeit. Und diese scheint als Schlagzeile immer noch Garant für guten Absatz zu sein. Der Berliner Kurier jedenfalls folgt heute der „Döner-Mord“ Tradition und macht mit einer rassistischen Schlagzeile auf:

Kopftuchmord

http://www.berliner-kurier.de/polizei-prozesse/mann-toetet-ehefrau-und-sich-familiendrama-berlin-kreuzberg,7169126,20818146.html

Berlins ehrliche Boulevardzeitung, wie sich der Berliner Kurier selbst nennt, benutzt den Begriff „Kopftuchmord“ zwar nicht als erste, bereits bezüglich der Ermordung der Ägypterin Marwa al-Sharbini war dieses Konstrukt in den Medien aufgetaucht, doch das entlastet das Blatt keineswegs. Heute hört sich der Begriff an wie eine rassistische Verschmelzung der Begriffe „Döner-Morde“ und „Kopftuchmädchen“. Und selbst wenn man diese Parallele nicht zieht, so erfüllt diese Schlagzeile immer noch  eine unzulässige Pars-Pro-Toto Setzung. Neben Rückständigkeit diskriminiert er alle Muslima, die ein Kopftuch tragen als wehrlose, unterdrückte Opfer. Ähnliche Morde in denen ein Ehemann seine Frau im Streit umbringt und dann sich selbst richtet und die leider immer wieder in regelmäßigen Abständen stattfinden, werden sonst meist als Familiendrama betitelt. Bei türkischen Migranten wird daraus ein „Kopftuchmord“.

Die Mörder der NSU wurden bei der Bundeswehr militärisch ausgebildet und dort schon durch ihre rechtsextreme Haltung auffällig. Doch nichts passierte, niemand handelte. Ich kann mich aber nicht an eine Schlagzeile erinnern, die die „Döner-Morde“ in „Bundeswehrmorde“ umbenannt hätte. Diese Form von Stammtischrassismus wie im heutigen Titel des Berliner Kuriers ist Kalkül. Dass dieses Kalkül aufgeht und verkaufsfördernd ist, sagt viel über den Alltagsrassismus dieses Landes. Dass eine solche Schlagzeile nach der Lektion „Döner-Morde“ noch möglich ist, beschämt.

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