Baggert uns nicht an

Vertreibung Für den Bau eines Factory Outlet Centers will die Stadt Duisburg die Zinkhüttenplatzsiedlung abreißen lassen. Doch nicht nur die Mieter des Arbeiterviertels begehren auf.

Die Stadt Duisburg ist am Ende. Schon länger drücken die Stadt die Schulden derart, dass jede Ausgabe über 5000 Euro von der Bezirksregierung in Düsseldorf genehmigt werden muss. Immer mehr Menschen ziehen aus Duisburg weg und suchen sich anderenorts eine neue Lebensperspektive. Da scheint es verständlich einen Investor mit offenen Armen zu empfangen und auf Gewerbesteuereinnahmen und Arbeitsplätze zu hoffen. Doch den Stadtverordneten Duisburgs hat die Freude über den möglichen  Strohhalm in der Not nicht nur ihr soziales Gewissen, sondern auch ihren Realitätssinn geraubt.

Die Lage für das geplante Factory Outlet ist aus der Investorensicht der German Development Group ideal. Direkt an der Autobahnausfahrt Obermarxloh  liegen zwei Grundstücke, die mit Gebäuden bebaut sind, für die die Stadt Duisburg schon länger eine Folgenutzung sucht. Es handelt sich um die 2001 geschlossenen maroden Rhein-Ruhr Hallen, die die Stadt aus Geldnot weder sanieren, noch halten kann und um das denkmalgeschütze, dem Verfall anheimgegebene, Stadtbad Hamborn. Auf diesem Areal  soll das neue Factory Outlet entstehen. Doch die 24 Millionen anvisierten Kunden im Einzugsgebiet, die auf 25.000 qm in den 140 Shops des Designer Outlet Village (Douvil) einkaufen sollen, brauchen auch fußläufige Parkplätze für ihren Einkaufbummel. Hier kommt nun das angrenzende Zinkhüttenplatz Viertel mit seinen 396 Wohnungen ins Spiel. Denn die Duisburger Arbeitersiedlung, die der weltberühmte Archiktekt Max Traut in den 60er Jahren realisierte,  ist dafür der ideale Ort. Und somit sind der Abriss der Siedlung, die Änderung des Bebauungsplans und die Errichtung von Parkplätzen auf dem Gebiet eine Forderung des Inverstoren. Der Stadtrat der Stadt Duisburg stimmte diesem Ansinnen mit nur einer Gegenstimme zu. Die Mieter erfuhren im Oktober 2011 aus der Zeitung, dass ihre Häuser abgerissen werden sollten und ihre Entmietung bis November 2012 vollzogen sein würde.

Seitdem wehren sich die Mieter gegen die Vertreibung aus ihrer Siedlung. Sofort nach Bekanntwerden der Abrisspläne sammelten sie über 400 Unterschriften und protestierten gegen dieses Ansinnen beim Immobilienkonzern Immeo, dem Besitzer der Häuser, zu einem Zeitpunkt an dem die Häuser wahrscheinlich längst verhökert waren. Die Immeo bemüht sich im Gegenzug seither die Mieter zum Auszug zu bewegen. Zwar wurden keine Kündigungen verschickt, aber die Mieter werden mit finanziellen Anreizen, neuen Wohnungen und kostenlosen Umzügen gelockt. Das geschieht allerdings nicht aus sozialem Gewissen heraus, sondern deswegen, weil beim Verkauf der Häuser an Immeo durch die Thyssen-Krupp Wohnimmobilien an die Immeo alle Mieter über 65 Jahre einen Kündigungsschutz erhielten. Ein Großteil der Menschen, die in der Zinkhüttensiedung leben, sind  über 65 Jahre und somit unkündbar. Etwa die Hälfte der Mieter ist auf die Angebote der Immeo, die für die Entmietung der Objekte zuständig ist, eingegangen und ist ausgezogen. Doch die andere Hälfte will bleiben. Denn die Siedlung ist Heimat. Viele leben seit 50 Jahren hier, andere fühlen sich zu alt, um sich in einer neuen Umgebung einzugewöhnen. An den Balkonen hängen Plakate mit Slogans wie „ Baggert uns nicht an“. Der Protest ist lebendig und wird von den Jüngeren und Rüstigen unter den Mietern unerlässlich aufrecht erhalten. Diejenigen, die nicht mehr genug Energie für die Arbeit in der Bürgerinitiative haben, versuchen zumindest noch zu den Protestaktionen zu erscheinen. Es hat sich ein harter Kern des Widerstandes herausgebildet. Doch immer wieder trägt die Zermürbungstaktik der Immeo und der German Development Group auch Früchte. Die Nerven von vielen alten Menschen liegen blank. Sie fürchten die Konfrontation, haben Angst irgendwann alleine in ihrem Haus zu wohnen. Für viele reicht auch schon der ständige Druck die Wohnung zu verlieren. Sie weichen, weil sie eben diesem nicht mehr Stand halten können, nicht weil sie wollen. Denn das Zinkhüttenplatzviertel, mit seinen großzügig auf Grünflächen verteilten Häusern, ist ihre Heimat.

Aber das Gefühl von Heimat und Verwurzelung zählt nichts im Duisburger Stadtrat. Hier geht die Rechnung eindeutig zugunsten der erwarteten Gewerbesteuer und zukünftiger Arbeitsplätze aus. Und genau hier beginnt die Realitätsflucht der Stadtverordneten. In die Shops des Factory Outlet Center zögen wohl hauptsächlich Konzernketten, die dann nur anteilig Gewerbesteuer zahlen müssten und somit weniger Geld in die Duisburger Stadtkasse spülen, als der bereits ortsansässige Einzelhandel in der Innenstadt, der durch das Center bedroht wäre. Beispiele dafür gibt es im Ruhrgebiet bereits in Gestalt des Oberhausener Shopping und Freizeit Centers Centro, der dem Einzelhandel weiträumig den Gar ausgemacht hat. Vor einer Wiederholung dieser Entwicklung in Duisburg warnt Christof Zöpel, der ehemalige  Landesminister für Stadtentwicklung und Wohnen in Nordrhein-Westfalen. Er versteht seine Parteigenossen von der SPD in Duisburg nicht, die dem Projekt nach anfänglichen Bedenken zustimmten.  Auch der Traum von 600-800 Arbeitsplätzen könnte nach der Realisierung des Projektes bald platzen.  Denn es scheint wahrscheinlich, dass die interessierten Firmen ihre Shops mit Mitarbeitern aus den eigenen Reihen besetzen. Etwa 50 zusätzliche Arbeitsplätze seien realistisch schätzt Professor Roland Günter, der Vorsitzender des Werkbunds Nordrhein-Westfalen, der den Abriss der Siedlung für einen sozial wie kulturell barbarischen Akt hält und fordert die Zinkhüttenplatzsiedlung unter Denkmalschutz zu stellen. Sowohl Zöpel als auch Günter gehören zu den Unterstützern der Bürgerinitiative in Duisburg Hamborn.  Doch der Duisburger Stadtrat ist für kritische Argumente nicht zugänglich. Dabei scheinen noch nicht einmal die Bonität und das Umsetzungsvermögen der German Development Group, vertreten durch ihren Geschäftsführer Roger Sevenheck, sicher zu sein. Der Wirtschaftprüfer und Oberbürgermeisterkandidat für Duisburg  Richard Wittsiepe nahm den Investor unter die Lupe und fand ein Firmengeflecht aus niederländischen und englischen Firmen, das, anhand seiner Recherchen, weder über geschäftlich erfolgreiche Referenzen verfügt, noch ein ausreichendes Investitionskapital ausweisen konnte, um ein 100-130 Millionen Projekt zu schultern. Er vermutet, dass es sich um Strohfirmen handelt und sagt dies öffentlich. Roger Sevenheck aber äußert sich zu diesen Vorwürfen nicht. Dabei ist Wittsiepe nicht der einzige, der vor dem Investor warnt. Bereits in Bonn wurde der Stadtrat vergeblich von der eigenen Stadtverwaltung und durch ein Gutachten eines renommierten Anwalts vor der Zustimmung zu einem ähnlichen Projekt wie in Duisburg gewarnt, da man das Gebaren Sevenhecks und der German Development Group für ungewöhnlich und undurchschaubar hielt . Angesprochen auf die Vorgänge in Bonn und befragt, ob er mit den Kollegen in Bonn schon einmal Kontakt aufgenommen hätte, antwortet der Duisburger Planungsdezernet Greulich von den Grünen in einem Beitrag des WDR: „Ich persönlich habe noch keinen Kontakt aufgenommen. Aber wir stehen in Kontakt mit Herrn Sevenheck und bis dato haben wir noch keinen Zweifel an der Bonität des Investors.“ Kurze Zeit später ist er für das WDR Team nicht mehr zu sprechen. Er sei mit anderen Aufgaben betreut lässt man die Journalisten wissen.

Am 7.10. haben die Mitglieder der Bürgerinitiative Am Zinkhüttenplatz das Wort Solidarität mit Kerzen auf ihre Grünfläche geschrieben. Es bleibt abzuwarten ob diese Solidarität unter den Mietern, ihr Widerstandswillen und die zunehmende Solidarität von außerhalb reicht, um die Verantwortlichen im Duisburger Rathaus zum Umdenken zu bewegen. Sachlichen Argumente scheinen sie jedenfalls nicht zugänglich zu sein.

Hier geht es zur BI:

http://www.mattern-duisburg.de/das-sind-wir.html

Hier geht es zur Online Petition:

http://www.avaaz.org/de/petition/Stopp_den_Bau_des_FOC_in_Duisburg_Hamborn/?launch

Nachtrag: Die Immeo hat für den Sozialverträglichen Umzug 7 Millionen Euro veranschlagt. Laut der BI Zinkhüttenplatz bekamen die Auszugswilligen im Schnitt nicht mehr als 2000 Euro. Das macht bei 396 Mietverhältnissen, selbst wenn man da noch satt etwas draufschlägt nicht mehr als 100.000 Euro. Das wären dann etwas über 10 %.

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